Geistlicher Impuls

„Wie herrlich leuchtet mir die Natur“ …

… so dichtete Goethe in seinem „Mailied“.

Liebe Mitchristen in unserer Pfarreiengemeinschaft,

wir sind im Mai angekommen. Die Natur steht in voller Blüte. Alles ist grün und bunt. Das Leben, das in den Wiesen und Wäldern um uns herum aufbricht, will auch zu uns durchdringen. Unweigerlich zieht es uns hinaus ins Freie, unsere Stimmung wird heller und fröhlicher. Und wenn wir durch blühende Maiwiesen und -wälder streifen, spüren wir, wie diese Lebendigkeit auch nach uns greift. Der Mai lädt uns dazu ein, uns im Anblick der blühenden Schöpfung selbst zu vergessen und einfach nur mit unseren Sinnen wahrzunehmen, was sich an Schönheit anbietet. Tief in uns selbst spüren wir etwas von dieser Fülle des Lebens um uns herum.

In der Natur fühlen wir uns als ein Teil von ihr. Da gehören wir dazu! Wir haben teil an der Kraft und Lebendigkeit der Schöpfung.

Was viele mit der „Mutter Natur“ verbinden, hat die Kirche auf die Gottesmutter Maria projiziert.

In unserer katholischen Tradition ist der Monat Mai der Marienmonat. So finden in unseren Kirchen – und auch im Freien Maiandachten statt. Denn hier wird die Einheit von Natur und Kirche, von Schöpfung und Spiritualität, besonders deutlich. Dabei wird Maria gerne als die „Schönste aller Blumen“ besungen. In ihr blüht die Schönheit der Schöpfung auf; sie ist die Frau, die in sich die Schönheit der Schöpfung verkörpert. Im Blick auf diese besondere liturgische Zeit möchte ich den Blick lenken auf ein Marienlied noch jüngeren Datums, das einlädt, es kennenzulernen:

Mädchen, du, in Israel, kleine Tochter Gottes, …!  (GL 868)

Im Gegensatz zu den meisten traditionellen Liedern setzt dieses Lied auf einen anderen Zugang und Weg zur Gottesmutter Maria. „Mädchen, du, in Israel …“ ist eine behutsame Annäherung an Maria, die in erster Linie bei ihrer Menschlichkeit ansetzt – bei der „Niedrigkeit seiner Magd“; so besingt es Maria in ihrem Lobgesang (Magnifikat, Lk 1,46-55)

Einer „prachtvollen Marienstatue“ gleicht dieses Lied freilich nicht, auch keiner „Ikone auf Goldgrund“.

Es erstaunt, dass ihr Name im Lied nie eigens genannt wird!

  • Aus der „Hohen Frau“ wird gleich in der ersten Strophe das im vertrauten „Du“ angesprochene „Mädchen“;
  • die erhabene Muttergottes“ wird zur „kleinen Tochter Gottes“;
  • und nicht der „Himmelskönigin ewiger Ort bei den Engeln und Heiligen“ wird besungen, sondern ihre irdische Herkunft aus „Israel“ und „Nazaret“.

So wird Maria zu einer uns sehr nahen Schwester im Glauben. Ihr Lobgesang – sehr von den Psalmen inspiriert – ist das biblische Urbild jedes christlichen Singens.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für diesen schönen Monat Mai eine gesegnete Zeit, die Sie mit Freude und Leichtigkeit erfüllt. Eine Zeit, in der Sie all die „äußere“ Lebendigkeit und Schönheit der Natur wahrnehmen, auch tief in sich spüren.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie im Blick auf Maria auch sich selbst als von Gott geliebt und auserwählt erfahren. Denn jeden hat Gott auserwählt, damit wir zum Segen werden für andere.

Mit herzlichen Grüßen

Bernhard Weber, Diakon